Herbstzeitlose im Heu: Wie Stallbetreiber Pferdeleben auf dem Gewissen haben und damit durchkommen
Ein offener Brief an alle, die „noch nie Probleme hatten“
Irgendwo in Deutschland steht gerade mindestens ein Stall, in dem Heu mit Herbstzeitlosen verfüttert wird. Die Betreiberin weiß es. Sie füttert es trotzdem weiter. Weil die Ballen schon bezahlt sind. Weil man das Heu ja schon immer dort kauft. Weil Pferde das angeblich nicht fressen. Weil ja „noch nie was passiert“ ist.
Und wenn doch mal was passiert? Dann war es eben eine Kolik. Unklare Ursache. Pech gehabt.
Zwei tote Pferde später ändert sich: nichts.
Das ist keine Fiktion. Das passiert. Jetzt. In diesem Moment. Immer wieder.
Die Lüge vom „noch nie was passiert“
Diese fünf Worte sind das Schutzschild jeder Verantwortungslosigkeit. Sie bedeuten nicht: „Es ist sicher.“ Sie bedeuten: „Wir haben es nie untersucht.“
Colchicin, das Gift der Herbstzeitlose, tötet zeitverzögert. Erst nach 12, 24, manchmal 48 Stunden zeigen sich Symptome. Speicheln. Kolik. Blutiger Durchfall. Kreislaufversagen. Und dann stirbt ein Pferd, und niemand stellt den Zusammenhang her, weil niemand danach sucht.
Pathologische Untersuchungen kosten Geld. Colchicin-Nachweise im Gewebe sind aufwendig. Also wird das tote Pferd entsorgt, der Besitzer trauert, und der Stall füttert weiter.
„Noch nie was passiert“ bedeutet in Wahrheit: „Noch nie was bewiesen.“
Das Geschäftsmodell Gleichgültigkeit
Gutes Heu kostet. Geprüfte Flächen kosten. Sorgfalt kostet. Und deshalb kaufen manche Ställe ihr Heu dort, wo es billig ist, Jahr für Jahr, Lieferant für Lieferant, ohne je zu fragen, was auf diesen Wiesen wächst.
Wer Herbstzeitlosen auf seinen Flächen hat und das Heu trotzdem an Pferdeställe verkauft, handelt skrupellos. Wer als Stallbetreiber dieses Heu kauft, obwohl er es besser wissen müsste, handelt fahrlässig. Wer nach dem Tod von Pferden einfach weitermacht wie bisher, handelt mit einer Kaltblütigkeit, die mir den Atem nimmt.
Aber es wird noch besser.
Die Masche mit der Kündigungsfrist
Ein Pferdebesitzer erkennt die Gefahr. Er sieht die Herbstzeitlosen im Heu, recherchiert, versteht das Risiko und will raus. Sofort. Weil sein Pferd ihm wichtiger ist als ein Pachtvertrag.
Was passiert? Er wird verklagt. Nicht der Stall, der Gift verfüttert. Der Besitzer, der sein Tier schützen will.
Die Logik dahinter ist so pervers wie effektiv: Wer kündigt, schuldet Geld. Wer Vorwürfe erhebt, riskiert eine Verleumdungsklage. Wer öffentlich warnt, bekommt Post vom Anwalt. Das System funktioniert, weil Schweigen billiger ist als kämpfen.
Und so bleiben die Pferde. Im Stall. Beim giftigen Heu. Bis sie sterben oder bis die Einstaller aufgeben und zahlen, was sie niemals hätten zahlen müssen.
Was Colchicin mit einem Pferd macht
Für alle, die immer noch glauben, Herbstzeitlose sei „nicht so schlimm“:
Colchicin stoppt die Zellteilung. Es greift jede Zelle an, die sich regeneriert. Die Darmschleimhaut zuerst. Sie zerfällt. Buchstäblich. Das Pferd versucht zu verdauen, aber sein Darm löst sich von innen auf. Es blutet innerlich. Es dehydriert. Es bekommt Krämpfe, weil sein Körper kollabiert. Es gibt kein Gegengift. Die Tierärzte können nur zusehen, stabilisieren, hoffen. Bei schweren Vergiftungen stirbt das Pferd innerhalb von Tagen.
Und irgendwo sitzt dann eine Stallbetreiberin und sagt: „Davon habe ich noch nie gehört.“
Die Fragen, die du deinem Stall stellen solltest
Frag. Heute. Schriftlich. Und besteh auf Antworten:
Woher kommt das Heu, das hier verfüttert wird? Werden die Flächen auf Giftpflanzen kontrolliert? Wer ist der Lieferant? Kann ich die Grünlandpflege-Dokumentation einsehen?
Wenn die Antworten ausweichend sind, wenn du „Das haben wir noch nie gebraucht“ hörst, wenn dir gesagt wird, du sollst dich nicht so anstellen, dann weißt du, woran du bist.
Dein Pferd ist dort nicht sicher.
Was du tun kannst
Du kannst keinen Stallbetreiber zwingen, verantwortungsvoll zu handeln. Aber du kannst:
Deinen Tierarzt informieren. Berichte von Verdachtsfällen, auch wenn nichts „bewiesen“ ist. Tierärzte brauchen diese Informationen, um Muster zu erkennen.
Andere Einstaller warnen. Nicht öffentlich mit Namen, das bringt dir Ärger. Aber im direkten Gespräch. Zeig ihnen Fotos von Herbstzeitlosen. Erkläre das Risiko. Manche wissen es wirklich nicht.
Beim Veterinäramt nachfragen. Wenn du einen konkreten Verdacht hast, dass wissentlich kontaminiertes Futter verfüttert wird, kann das Veterinäramt tätig werden. Die Hürden sind hoch, aber die Möglichkeit besteht.
Deinen nächsten Stall sorgfältiger auswählen. Frag vorher. Schau dir das Heu an. Lass dir den Lieferanten nennen. Ein Stallbetreiber, der das nicht beantworten kann oder will, ist keiner, dem du dein Pferd anvertrauen solltest.
Abschließend
Ich weiß, dass es da draußen Ställe gibt, die so wirtschaften. Die Heu kaufen, das sie nicht füttern sollten. Die Beschwerden ignorieren. Die Kritiker mundtot machen. Die nach toten Pferden einfach weitermachen.
Ich kann sie nicht namentlich nennen. Das Recht schützt in diesem Fall nicht die Opfer, sondern die Täter.
Aber ich kann das hier schreiben. Und du kannst es teilen. Und vielleicht liest es eine Pferdebesitzerin, die gerade ein schlechtes Gefühl hat, aber nicht weiß, warum. Und vielleicht fragt sie dann nach. Und vielleicht rettet das ein Leben.
Denn am Ende geht es nicht um Recht behalten. Es geht um Pferde, die niemandem zur Last fallen wollten. Die einfach nur gefressen haben, was man ihnen gegeben hat. Und dafür gestorben sind.
