Wie die Irren

Es gibt Dinge, da stehst du daneben und denkst dir: Leute, Leute, Leute. Mich wundert um die Menschheit…

Es gibt Dinge, da stehst du daneben und denkst dir: Leute, Leute, Leute. Mich wundert um die Menschheit echt gar nichts mehr.

Der Lidl hier hatte ein halbes Jahr zu. Ein halbes Jahr. Und dann gestern Morgen um 7 Uhr Wiedereröffnung. Und was passiert? Gestern und heute war da die Hölle los, als gäbe es kein Morgen. Als hätte man sechs Monate lang in der Wildnis überlebt und müsste jetzt endlich wieder ans Futter.

Und wieso eigentlich?

Es wird der gleiche Mist verkauft wie vorher auch.

Nicht „endlich wieder frisches Brot vom Dorfäckerl“. Nicht „endlich wieder regionale Kartoffeln direkt vom Feld nebenan“.

Nein. Das exakt gleiche Regal voller Zeug, das ich seit Jahren in jedem x beliebigen Supermarkt sehe. Immer dieselben bunten Verpackungen. Immer dieselben Lockangebote. Immer derselbe Krempel, der dir suggeriert, du brauchst ihn, damit dein Leben komplett ist.

Und das ist der Punkt, der mich wirklich fertig macht. Wir leben in einer Zeit, in der jeder über alles klagt. Alles ist teuer. Alles ist stressig. Alles ist ungerecht. Und dann rennen Menschen wie im Ausnahmezustand in einen Discounter, weil die Türen wieder aufgehen, und stopfen Einkaufswagen voll mit Zeug, das weder nährt noch glücklich macht, sondern einfach nur da ist.

Ich sag dir was. Egal in welchen Supermarkt ich gehe, ich brauche vielleicht 5 Prozent der Artikel. Maximal. Der Rest ist für mich Lärm. Regalgewordener Lärm.

Was kaufe ich wirklich?

Mehl, Butter, Joghurt, Milch, Honig und Tee. Das jede Woche. Hefe alle zwei Wochen. Gemüse und Obst jede Woche. Toilettenpapier und Küchenrollen alle paar Wochen.

Putzmittel einmal im Jahr. Hin und wieder Kaffee. Und ja, Fleisch auch ein wenig. Da sitzt noch ein kleiner Neandertaler in mir. Ich arbeite dran. Aber Grünkernwürste schmecken einfach unlustig. So ist es halt.

Und dann guckst du dir den Rest im Laden an.

Zig Konserven, als würde morgen die Zombie Apokalypse starten. Fünf Millionen Öle, als wäre Öl ein Lifestyle. 153 Soßen, damit auch ja keiner mehr merkt, wie ein echtes Lebensmittel schmeckt. Dieses ganze Maggi Knorr Gedöns, bei dem du am Ende nur noch Salz, Aroma und Nostalgie isst. Und dann stehen Leute davor, als würden sie gerade zwischen Philosophie und Weltfrieden wählen.

Und am schlimmsten ist dieses Gefühl, das dahinter steckt: Hauptsache Auswahl.

Hauptsache viel. Hauptsache Wagen voll.

Dabei ist ein voller Wagen noch nie ein Beweis für gutes Leben gewesen. Ein voller Wagen heißt erstmal nur: viel Zeug.

Das Kühlregal laufe ich an für Butter, Milch und Joghurt. Fertig. Alkohol wird überbewertet. Ich brauche nicht 30 Sorten Mineralwasser, und schon gar nicht in Plastikflaschen. Ich brauche auch keine fünf verschiedenen „Protein irgendwas“ mit Geschmack „Schoko Cookie Birthday“. Wenn ich Schoko Cookie will, esse ich einen Keks. Und wenn ich Geburtstag will, feiere ich. Ganz ohne Pulver.

Und jetzt kommt der Teil, der mich wirklich ärgert. Nicht, dass Menschen einkaufen. Nicht, dass da Mitarbeiter stehen, die ihren Job machen. Die können am wenigsten dafür. Sondern diese kollektive Aufregung um eine Discounter Wiedereröffnung. Dieses Eventisieren von Konsum. Als wäre das der Ort, an dem das Leben wieder beginnt.

Dabei wäre die echte Sensation doch etwas anderes. Stell dir vor, die Leute würden diese Energie mal in die richtigen Dinge stecken.

Stell dir vor, sie würden die Sessler Mühle in Althengstett stürmen. Nicht weil da irgendein Fernseher 30 Euro billiger ist, sondern weil sie begriffen haben, dass regional kaufen mehr ist als ein hübsches Wort für Bio Instagram. Weil sie merken, dass da Ware vom Nachbarn liegt. Dass da jemand hinter dem Produkt steht. Dass da Boden, Wetter, Arbeit und echte Qualität drin steckt.

Aber nein. Stattdessen rennen sie in den Lidl, weil die Türen wieder auf sind, und feiern es, dass sie wieder zwischen 20 Sorten Toast wählen können, von denen keine nach Brot schmeckt.

Ich brauche einen Supermarkt, 70 Quadratmeter. Das reicht. Und selbst da brauche ich nur einen Teil. Mehr Auswahl macht das Leben nicht besser. Es macht nur den Kopf voller. Und das ist ohnehin schon das Problem unserer Zeit. Alles ist voll. Kopf voll. Kalender voll. Wohnung voll. Wagen voll. Und gleichzeitig fühlt sich alles leer an.

Vielleicht, nur vielleicht, liegt es daran, dass viele nicht mehr unterscheiden können zwischen „Ich brauche“ und „Ich will gerade kurz was fühlen“.

Und dann ist Einkaufen halt das, was man noch fühlt. Licht. Musik. Farben. Angebote. Belohnung. Der kleine Kick an der Kasse. Das ist wie Fastfood fürs Hirn.

Mich entsetzt das, was da die letzten beiden Tage abging, wirklich. Und ja, ich arbeite nebendran. Ich sehe es. Ich höre es. Ich rieche es. Diese Mischung aus Hektik, Plastik und „Jetzt aber schnell, sonst ist es weg“. Als ob etwas weg wäre, wenn der Laden zu hat. Als ob es plötzlich etwas Besonderes wäre, denselben Kram wieder kaufen zu dürfen.

Ich glaube, ich werde weiterhin keinen Schritt in Lidl machen. Oder Aldi. Nicht aus moralischer Überlegenheit. Sondern aus Selbstschutz. Weil ich keine Lust habe, mich in dieser Konsumhysterie zu verlieren. Weil ich lieber dorthin gehe, wo ich noch das Gefühl habe: Das hat mit Leben zu tun. Mit Essen. Mit Herkunft. Mit Geschmack. Mit Respekt.

Und ganz ehrlich: Wenn wir schon irgendwas stürmen müssen, dann bitte Orte, die es verdienen. Orte, die die Region tragen. Menschen, die Qualität machen, statt Verpackung. Dinge, die uns wirklich ernähren.

Aber dieses „Wiedereröffnung und alle drehen durch“, das verstehe ich nicht. Und ich will es auch gar nicht mehr verstehen.

Manchmal ist es besser, einfach draußen zu bleiben.
– Roland